Der Bahnhof Ebersdorf im Wandel der Zeit

Autor: Werner Vorndran
Veröffentlicht: 1988

Der Bahnhof Ebersdorf zählte mit seinen Nebenstellen Grub am Forst, Schney, Seehof und den Bahnhöfen der Strecke Ebersdorf – Fürth am Berg in seiner Blütezeit über 60 Mann Personal. Rechnet man das Personal der Bahnmeisterei Ebersdorf (Verwaltung, Rottenarbeiter, Schrankenwärter und Streckenläufer) noch dazu, so wurden von Ebersdorf aus über 100 Eisenbahner verwaltet. Bis 1945 gehörte der Bahnhof Ebersdorf zur Reichsbahndirektion Erfurt, nach dem Krieg wurde Ebersdorf der Bundesbahndirektion Nürnberg zugeteilt. Der heutige Personalstand beträgt nach Auflösung der Nebenbahn Ebersdorf – Fürth am Berg, Bahnmeisterei, Güterabfertigung, Grub am Forst, Schney und Seehof noch ganze 7 Mann.

Alter Bahnhof Ebersdorf in den 60ern
Alter Bahnhof Ebersdorf in den 60ern

Durch die Korb- und Polstermöbelindustrie erlebte auch der Bahnhof Ebersdorf kurz vor dem Krieg einen erheblichen Aufschwung. Der Bau einer neuen Güterabfertigung wurde erforderlich. Die Erzeugnisse der Büttnerindustrie (Butten, Wannen und Zuber) traten ihren Weg meistens in die Weinbaugebiete Franken, Rheinland und Moseltal an. Die Korb- und Polstermöbel wurden überwiegend nach Mitteldeutschland, Schlesien und Ostpreußen geliefert, so daß nach dem Krieg ein neues Absatzgebiet in Süd- und Westdeutschland gesucht werden mußte. Die beiden Spediteure Bernhard Hetz und später Karl Will (Balzers Karl) sammelten mit ihren Pferdefuhrwerken die Waren ein und brachten sie zur Verladung an den Bahnhof.

Da Ebersdorf an der Hauptstrecke Lichtenfels – Eisenach lag, war ein reger Zugverkehr bei Tag und bei Nacht zu verzeichnen. Auch zwei Schnellzugpaare München – Hannover und umgekehrt fuhren in Ebersdorf durch. Da bei der Durchfahrt dieser Schnellzüge öfters die Hühner des Postmeisters Göhring in Gefahr kamen, mahnte er immer seinen Sohn Erich (wer kennt von den älteren Ebersdorfern den Posters Erich nicht?) mit folgenden Worten: „Erich, die Hühner auf dem Geleise, wenn der D-Zug kommt, werden sie überfahren.“ Trotz aller Vorsicht mußte aber ab und zu ein Federvieh daran glauben.

An den Samstagen war immer Hochbetrieb auf dem Bahnhof. Da war „Säumarkt“ in Coburg. Zehn bis fünfzehn Leute mit den „Säules-Körben“ waren da keine Seltenheit, die nach Coburg zum Markt fuhren. „Reisende mit Traglasten“ hieß das Abteil, das benutzt wurde. Auf der Rückfahrt von Coburg reisten die „Säula“ als Reisegepäck im Packwagen. Beim Ausladen der Körbe in Ebersdorf passierte es einmal, daß zwei Körbe auf den Bahnsteig flogen, der Deckel ging auf und vier Säula rannten den Bahnsteig entlang. Nach dem Einfangen wußten wir nicht, welche Paare zusammengehörten. Wir steckten sie halt nach Gutdünken zusammen. Beschwerden waren später nicht zu verzeichnen. Aber auch Ebersdorfer Bier wurde auf die Bahnreise geschickt. Die Löwenbräu Albin Brehm schickte jede Woche einige Fässer des edlen Gerstensaftes als Eilgut nach Bad Salzungen.

Vor Ende des Krieges war der Bahnhof auch einmal Ziel eines Bombenangriffes. Die Bomben verfehlten aber ihr Ziel und schlugen auf dem Bahndamm ein. Der Bahnhof war im Krieg aber auch ein Ort der Freude und der Tränen. Freude bei Ankunft eines Urlaubers oder Heimkehrers aus Gefangenschaft. Tränen gab es dann beim Abschied, wenn der Mann, Vater, Sohn oder Bräutigam wieder an die Front mußte, und oft war es der letzte Gruß, Kuß oder ein letztes Winken zum ewigen Abschied, wenn die Geliebten nicht mehr aus dem Krieg zurückkehrten.

Die Bahn trug zum Kriegsende auch etwas zur Linderung der Anzugs- und Kleidemot bei. Der beschossene Güterzug in der Nähe von Seehof war voll von Anzugsstoffen. Handwagenweise wurde dieser Stolf geholt, und die Damen und Herrenschneidereien hatten Hochbetrieb.

Nicht vergessen wollen wir aber auch unsere Landsleute aus Thüringen, die bis zur Währungsreform jeden Samstag von der Zonengrenze nach Ebersdorf liefen und sich bis eine Stunde vor Zugabfahrt in der Nähe der Esto aufhielten. Kurz vor Zugabgang kamen sie an den Schalter und lösten ihre Fahrkarten bis ins Württembergische. Dort tauschten sie ihren mitgeführten Christbaumschmuck und sonstiges Kinderspielzeug aus dem Thüringer Wald gegen Obst und Lebensmittel ein. Nachts kamen sie wieder zurück und mußten den schwer gewordenen Rucksack wieder zur Grenze tragen. Dabei waren sie immer in Angst, ja nicht erwischt zu werden. 70 und mehr Personen an einem Samstag waren keine Seltenheit. Bei unseren randvoll gefüllten Lebensmittelläden kann man sich dies heute gar nicht mehr vorstellen.

Der Schwarzhandel machte aber auch vor dem Bahnhofsgelände in Ebersdorf nicht halt. Nachts kamen die Amis aus Bamberg, um hier Zigaretten gegen Schwarzmarktpreise an den Mann zu bringen. Aus diesem Grunde mußte einmal das gesamte Bahnhofspersonal zur Vernehmung durch die Militärpolizei ins alte Gemeindehaus (jetzt Neubau Brändler). Der Ausgang der Angelegenheit verlief wie das „Hornberger Schießen.“

Nach Beendigung des Krieges und mit Beginn der Währungsreform erlebte dann der Bahnhof einen großen Aufschwung, der bis in die 70er Jahre anhielt. Es gab Tage, an denen 40 und mehr Güterwagen in Ebersdorf mit Korb- und Polstermöbeln sowie Klinkern beladen wurden und Richtung Süden und Westen abrollten. Ein ganzer Güterzug aus Ebersdorf gehörte nicht zu den Seltenheiten. Aber auch Reise-, Gepäck- und Expreßgutverkehr nahmen stark zu. Bei den ankommenden Frühzügen stiegen einige hundert Fahrgäste aus, um in Ebersdorf ihrer Arbeit nachzugehen. Am Abend und bei den Schülerzügen war es nicht anders. Besonders groß war der Andrang beim Coburger Schützenfest und
bei den Fußballspielen Coburg – Ebersdorf; hier mußten immer Verstärkungswagen angefordert werden.

Als es noch genügend Wild (Hasen, Rebhühner, Fasanen und Rehe) gab, wurden die Loks auch manchmal zum Jäger. Hatte ein Lokführer bemerkt, daß er ein Stück Wild im Bahnhofsbereich überfahren hatte, gab er bei der Durchfahrt ein Pfeifsignal und steckte die beiden Zeigefinger nach oben. Das war das Zeichen „Wild überfahren“. Ein Bahnhofsbediensteter ging dann auf die Suche; hatte er Erfolg, meldete er dies dem Jagdpächter AdolfWachsmann. Der Fund durfte behalten werden, und außerdem spendete der Adolfin seiner gutmütigen Art noch einen Kasten Bier. Der Braten wurde dann in der Bahnhofswirtschaft von der Geigers Babett zubereitet. Die Bahnhofswirtschaft hatte bei Fisch- und Wildspeisen einen guten Ruf, und die „Haute Volaute“ aus Ebersdorf und Frohnlach wußte dies zu schätzen.

Das "Bimäla" auf der Frohnlacher Strecke
Das “Bimäla” auf der Frohnlacher Strecke

Zu der Zeit, als ein Aufsichtsbeamter mit der roten Mütze und der grünen Kelle den Abfahrauftrag für Personenzüge gab, trug sich folgende Begebenheit zu: Emil Schneider (Gehm Emil) war Aufsichtsbeamter und wollte das „Bimbäla“ abfahren lassen. Da kam auf der Bahnhofsstraße sein Schul- und Jugendfreund, der Fabrikant Stefan Rädlein, auf ihn zu. Es war Sommerzeit und die Reisenden des vollbesetzten „Bimbäla“ schauten aus den geöffneten Fenstern. Es entspann sich folgender Dialog: Stefan Rädlein: „Sagen Sie mal, Herr Beamter, wo fährt denn dieser Zug hin?“ Emil Schneider antwortete nicht und schaute ganz verduzt drein. Stefan Rädlein: „Hören Sie nicht, ich hab Sie was gefragt!“ Emil Schneider: „Stefan, ich glaub, Du hast a weng an Fummel!“ Im selben Moment entlud sich ein Donnerwetter über den armen Emil. Er gab schnell seinen Abfahrauftrag und schlich betreten ins Dienstzimmer. Stefan Rädlein folgte ihm nach. Im Dienstzimmer schlug dann Stefan Rädlein seinem Freund Emil die Faust auf die Brust und sagte: „Gehrla, Dir hab ich’s heut wieder besorgt.“ Bei einem Maß Bier nach Dienstschluß war die alte Freundschaft wieder besiegelt.

Kurz vor Abriß des alten Eisenbahngebäudes wurde Ebersdorf dank dieses Bahnhofs noch zur „Filmstadt“: Die Außenaufnahmen für den Faßbinder-Film „Die Ehe der Maria Braun“ wurden im Bahnhof und auf seinem Gelände gedreht. Der Bahnhof wurde auf die Kriegszeit zurückgetrimmt, die Hauptdarstellerin Hanna Schygulla und die Komparsen aus Ebersdorf und Umgebung wurden in die Zeit kurz nach Kriegsende zurückversetzt. Sie glichen bei ihrem Marsch vom Bahnhof zur Verpflegungsstation „Goldener Stern“ einem Haufen Kriegsgefan-
gener.

Nach Beendigung der Aufnahmen fiel dann der BahnhofSpitzhacke und Bagger zum Opfer.

Noch eine lustige Begebenheit zum Schluß: Ich stand im Krieg vor dem Fahrkartenschalter in Kattowitz und hier trug sich folgendes zu:
Ein Reisender kam an den Schalter und verlangte eine Fahrkarte auf Gleiwitz. Der Schalterbeamte sagte: „Auf Gleiwitz haben wir nicht, wir haben nur Fahrkarten nach Gleiwitz.“ Der Reisende überlegte kurz und sagte: „Macht nix Kamerad, geben Sie mir eine Fahrkarte nach Gleiwitz und ich laufe das Stück auf Gleiwitz zurück.

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Ein Gedanke zu „Der Bahnhof Ebersdorf im Wandel der Zeit

  • 25.01.2022 um 14:09
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    An den alten Bahnhof erinnere ich mich noch sehr gut und auch an die Filmcrew von Regisseur Rainer Werner Fassbinder, die Ebersdorf regelrecht überrannte und bevölkerte. Die Gastwirtschaft Goldener Stern platze aus allen Nähten. Augen und Ohren wurden aufgesperrt – “ob die vielleicht noch Statisten suchen…???”
    Als der Film “Die Ehe der Maria Braun” dann endlich ins Kino kam, fuhr halb Ebersdorf nach Coburg ins UT. Dann, was für eine Enttäuschung. Am Schneidetisch der Filmleute war ganze Arbeit geleistet worden – es war kaum etwas vom Gebäude zu sehen….!

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